Vor wenigen Monaten wäre das beim Autobauer Daimler noch unvorstellbar gewesen: Der Konzern vermeldet einen operativen Quartalsverlust in Höhe von 1,68 Milliarden Euro - und löst damit an der Börse Begeisterung aus. Der Aktienkurs stieg am Freitag zeitweise um fast sechs Prozent auf knapp 40 Euro. Corona macht es möglich: Analysten hatten zuvor ein noch höheres Minus erwartet. Als Grund für die positive Überraschung nannte das Unternehmen am Donnerstagabend nach Börsenschluss eine "über den Erwartungen liegende Markterholung" und eine "starke Performance im Juni".
Daimler habe die Chancen der Markterholung genutzt, sagt Daimler-Chef Ola Källenius, "aber es bleibt viel zu tun." Der 51-jährige Schwede kündigt weitere harte Sparmaßnahmen an: "Wir müssen unsere systematischen Bemühungen fortsetzen, die Gewinnschwelle durch Kostenreduktion und Kapazitätsanpassungen weiter zu senken." Damit lässt er durchblicken, dass er noch mehr Arbeitsplätze abbauen will und wohl auch ein weiteres Werk schließen wird. Aus Konzernkreisen ist die Rede von "bis zu 20 000" Stellen. Pro Jahr sollen etwa zwei Milliarden Euro Personalkosten eingespart werden, um sich für die anstehenden Umbrüche (Elektrifizierung und Digitalisierung) zu wappnen.
Dies soll möglichst sozialverträglich geschehen - aber Personal-Vorstand Wilfried Porth schließt betriebsbedingte Kündigungen nicht aus. Betroffen ist vor allem die Verwaltung, das Sparprogramm könnte jedoch auch auf die Produktion durchschlagen. Bislang steht fest, dass die Fabrik im französischen Hambach verkauft werden soll. Dort werden bislang Smart-Kleinwagen produziert. Dieses Werk abzustoßen, wird aber nicht genügen, um den langfristig erwarteten Rückgang der Nachfrage abzubilden. Analysten gehen von einem generellen Einbruch des Pkw-Marktes um 15 bis 25 Prozent aus. Laut Frank Schwope von der Nord LB werde Daimler in diesem Jahr nur 1,8 bis zwei Millionen Fahrzeuge verkaufen. 2019 waren es noch 2,4 Millionen.
Im zweiten Quartal hat die Stammmarke Mercedes-Benz mit insgesamt 457 711 Autos weltweit 20,2 Prozent weniger Fahrzeuge an Kunden ausgeliefert als ein Jahr zuvor. Das lag aber vor allem an Europa und Nordamerika. In China fand Mercedes bereits wieder in die Wachstumsspur zurück: Nach dem Ende des Lockdowns verzeichnete Daimler im wichtigsten Automarkt der Welt ein Auslieferungsplus von fast 22 Prozent. Auch inklusive des schwachen ersten Quartals hat der Autobauer dort nun seit Jahresbeginn wieder eine positive Bilanz vorzuweisen.
Zum Quartals-Umsatz und dem Konzernergebnis machte Daimler noch keine Angaben. Die vollständigen Quartalszahlen veröffentlicht das Unternehmen am 23. Juli.
July 18, 2020 at 12:01AM
https://ift.tt/3fFFCzZ
Ein Verlust begeistert die Börse - Süddeutsche Zeitung
https://ift.tt/2NJ7kiZ
Börse
No comments:
Post a Comment