
Düsseldorf Mit großem Interesse, aber auch wachsender Sorge blicken Börsianer auf die nächste Runde der Brexit-Verhandlungen. EU-Chefverhandler Michel Barnier wird heute zu mehrtägigen Gesprächen in London erwartet. Der britische Premierminister Boris Johnson fordert eine Einigung bis zum 15. Oktober, sonst werde es einen harten Bruch mit der EU geben.
Zum Wochenauftakt hatten Anleger ihre Sorgen noch beiseite geschoben. So hatte der Dax zwei Prozent höher bei 13.100 Punkten geschlossen, der Euro Stoxx 50 legte 1,5 Prozent zu auf 3310 Zähler zu. Dienstagfrüh konnte sich der Dax auf außerbörslichen Handelsplattformen noch über der Marke von 13.100 Punkten halten – er notiert leicht im Plus.
Die grundsätzliche Unruhe an den Märkten hängt aber auch mit den heftigen Rückschlägen bei amerikanischen Technologieaktien in der vergangenen Woche zusammen. Das Ausmaß der Kursrückgänge deutet Experten zufolge darauf hin, dass diese Korrektur nicht innerhalb weniger Tage wieder vorbei ist. Deshalb wird auch mit besonderer Spannung erwartet, wie heute die US-Märkte eröffnen. Am gestrigen Montag fand dort wegen des Feiertags „Labor Day“ kein Handel statt.
Im Blick haben Börsianer bereits die erste Zinssitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) nach der Sommerpause. Sie findet am Donnerstag dieser Woche statt. Neue hauseigene Wirtschaftsprognosen und der jüngste Kursanstieg des Euros werden voraussichtlich die Debatte bestimmen.
Der Konjunkturabsturz im Euro-Raum in Folge der Virus-Krise im zweiten Quartal war zwar etwas weniger scharf ausgefallen als die EZB erwartet hatte. Dennoch bleibt die Unsicherheit über den Verlauf der wirtschaftlichen Erholung hoch. Denn in manchen Ländern stiegen die Corona-Zahlen zuletzt wieder an.
In Spanien etwa ist die Zahl der bestätigten Corona-Infektionsfälle auf mehr als eine halbe Million gestiegen. Das Gesundheitsministerium meldete am Montag 2440 neue Fälle innerhalb von 24 Stunden, womit die Gesamtzahl 525.549 betrug. Die Schwelle von 500.000 bekannten Infektionen hatte bisher kein anderes Land in Westeuropa überschritten. In Frankreich stieg die Gesamtzahl der Todesfälle nach Angaben des Gesundheitsministeriums auf 30.726 – und damit auf das siebthöchste Niveau weltweit.
Was für Anleger heute wichtig ist:
1 – Handel in Asien
Die japanische Börse hat am Dienstag nach einem leichten Minus zum Wochenstart wieder Fuß gefasst, die Börse in Schanghai rutschte weiter ab. US-Präsident Donald Trump verschärfte seinen Ton gegenüber China, indem er erneut die Idee der Entkopplung der US- und der chinesischen Wirtschaft auf den Tisch legte. Insbesondere Technologieanbieter sind Trump ein Dorn im Auge.
Der 225 Werte umfassende Nikkei-Index lag im Verlauf 0,5 Prozent höher bei 23.211 Punkten, obwohl Regierungsdaten einen Rekordrückgang des japanischen Bruttoinlandprodukts infolge der Coronavirus-Pandemie belegten. Der breiter gefasste Topix-Index stieg um 0,1 Prozent und lag bei 1612 Punkten. Die Börse in Schanghai lag 0,3 Prozent im Minus. Der Index der wichtigsten Unternehmen in Schanghai und Shenzen verlor 0,4 Prozent. Der MSCI-Index für asiatische Aktien außerhalb Japans fiel um 0,2 Prozent.
2 – Stellenabbau bei der Lufthansa könnte noch heftiger ausfallen
An diesem Montag und Dienstag tagt der Vorstand der Lufthansa in Olbia auf Sardinien, dem Feriendomizil von Vorstandschef Carsten Spohr. Der Vorstand der Airline arbeitet zur Überwindung der Krise an einer neue Strategie. Zum Neustart dürfte auch ein zusätzlicher Stellenabbau gehören. Denn schon jetzt ist klar, dass die bisherigen Corona-Maßnahmen, etwa die Schrumpfung der Flotte um 100 Jets und der Abbau von rechnerisch 22.000 Stellen, nicht reichen werden. Bis zum Jahresende wird die Lufthansa anstatt der erhofften 60 Prozent lediglich 40 Prozent ihrer Kapazität anbieten können. Die düsteren Aussichten könnten die Aktie zusätzlich unter Druck bringen.
3 – Nächste Runde bei den Verhandlungen über Handelsdeal nach dem Brexit
Die Verhandlungen über einen Handelspakt der Europäischen Union mit Großbritannien nach dem Brexit gehen am Dienstag in die nächste Runde. EU-Chefverhandler Michel Barnier wird zu dreitägigen Gesprächen in London erwartet. Ziel ist, Handelsbarrieren wie Zölle und wirtschaftliches Chaos nach dem Ende der Brexit-Übergangsphase zu vermeiden.
Zwar ist Großbritannien schon seit Ende Januar nicht mehr Mitglied der EU; bis zum Jahresende gelten jedoch noch die gleichen Regeln wie zuvor. Gelingt kein Vertrag über die künftigen Beziehungen, könnte es Anfang 2021 zum harten wirtschaftlichen Bruch mit Zöllen und anderen Handelshemmnissen kommen. Besonders strittig sind Themen wie Fischerei, Regeln zur Wirtschaftsförderung oder Strafverfolgung.
4 – Merkel berät mit Autoindustrie über die schwierige Lage der Branche
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) berät am Dienstagabend in einer Videokonferenz mit Vertretern der Autoindustrie über die schwierige Lage der Branche. Schwerpunkte der Beratungen sollen eigentlich strategische Fragen zur Zukunft der Branche sein wie die Digitalisierung, Vernetzung und autonomes Fahren. Die Konferenz findet im Rahmen der Initiative „Konzertierte Aktion Mobilität“ statt – dies ist seit Ende 2019 ein regelmäßiger Austausch von Politik und Autobranche.
Allerdings belastet die Coronakrise die Autoindustrie, die Nachfrage ist zurückgegangen. Die Branche befindet sich in einem schwierigen Wandel hin zu alternativen Antrieben, dazu kommt der digitale Wandel. Deswegen kamen vor der Konferenz Forderungen nach einer stärkeren Unterstützung der Schlüsselbranche mit Hunderttausenden Beschäftigen auf. IG Metall, Grüne und SPD machen sich für einen staatlichen Beteiligungsfonds stark, der Mittelständlern in der Autoindustrie zu Hilfe kommen soll. Der Autoverband VDA machte deutlich, dass die Krise in der Branche noch längst nicht ausgestanden sei.
5 – Werden VW-Investoren noch entschädigt?
Hat Volkswagen Investoren ausreichend über die finanziellen Risiken der Dieselaffäre informiert? Die Frage wird seit zwei Jahren im Musterprozess am Oberlandesgericht (OLG) Braunschweig verhandelt. Am Dienstag und Mittwoch wird das milliardenschwere Verfahren in der Braunschweiger Stadthalle fortgesetzt (Az: 3 Kap 1/16).
Den aktuellen Streitwert beziffert das OLG auf etwas mehr als vier Milliarden Euro. Das Unternehmen wirft der Klägerseite vor, in diesem Verfahren immer wieder von Kernfragen abzulenken. Anwalt Andreas Tilp, der die Musterklägerin Deka Investment vertritt, sieht das anders. Er gibt sich zuversichtlich, Ansprüche der Investoren durchsetzen zu können. VW hatte im September 2015 Abgasmanipulationen in großem Stil eingeräumt.
6 – Gaststättengewerbe zieht Zwischenbilanz in Coronakrise
Die Coronakrise hat das Hotel- und Gaststättengewerbe besonders hart getroffen. Monatelang waren Kneipen dicht und Hotels leer. Noch immer hat sich der Betrieb nicht normalisiert – auch, weil viele Touristen fehlen. Am Dienstag will der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga eine Zwischenbilanz ziehen – rund sechs Monate, nachdem die Pandemie in Deutschland angekommen ist. Besonders dramatisch ist die Lage dem Verband zufolge in der Stadt- und Tagungshotellerie sowie bei den Eventcaterern, Diskotheken und Clubs.
Hauptgeschäftsführerin Ingrid Hartges und Präsident Guido Zöllick wollen über die aktuelle Lage informieren und eine Einschätzung geben über die weiteren Aussichten der Branche. Jüngst hatte der Berliner Dehoga-Landesverband die Debatte um Heizpilze in Gastro-Außenbereichen mit der Forderung angefacht, diese im Herbst trotz ihrer Umweltschädlichkeit aufstellen zu dürfen, um Gäste draußen länger bewirten zu können.
7 – EU-Verkehrsminister konferieren in Hamburg über grüne Schifffahrt
Die Verkehrsminister der EU kommen am Dienstag in Hamburg zusammen. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) berät auf der Konferenz „Greening Shipping“ mit seinen EU-Amtskollegen sowie Reedern, Schiffsbauern und Verbänden über konkrete Maßnahmen für eine klimafreundlichere und innovative Seeschifffahrt. Der Seeverkehr ist eine tragende Säule der europäischen Wirtschaft. Etwa 90 Prozent des EU-Außenhandels und rund 40 Prozent des innereuropäischen Warenverkehrs werden über den Seeweg abgewickelt.
Termine Unternehmen am 8. September
10:00 Uhr, Deutschland: Verband der Chemischen Industrie (VCI), Halbjahres-PK
10:30 Uhr, Schweiz: Swiss Re, Pressekonferenz online zu Auswirkungen von Corona auf die Versicherungsbranche
22:30 Uhr, USA: Slack Technologies, Q2-Zahlen
Termine Konjunktur am 8. September
06:30 Uhr Niederlande: Verbraucherpreise 08/2020
08:00 Uhr Deutschland: Handelsbilanz 07/2020
08:00 Uhr Deutschland: Leistungsbilanz 07/2020
08:00 Uhr Deutschland: Arbeitskosten Q2/2020
08:45 Uhr Frankreich: Handelsbilanz 07/2020
10:00 Uhr Italien: Einzelhandelsumsatz 07/2020
11:00 Uhr Euro-Zone: BIP Q2/20 (3. Veröffentlichung)
Mit Agenturmaterial.
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September 08, 2020 at 11:45AM
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Börse am 8. September: Sieben Punkte, die für Anleger heute wichtig sind - Handelsblatt
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